Augen und Zunge statt Hände und Puls

Am 1. Juni hätte unsere nächste Pulsdiagnose stattgefunden, diesmal in Linz, da immer mehr Leute kommen und es bei mir in der Praxis schon zu eng wird.

Da nun Dr. Hemang leider nicht aus Indien ausreisen darf, werden wir anstatt unserer geliebten Pulsdiagnose vorlieb nehmen müssen mit der Online-Diagnose von Zunge und Augen (soweit man die im Netz betrachten kann) und einem virtuellen Gespräch. Früher haben sie in Amerika immer nur die Zungen-, Augen- und Antlitzdiagnose praktiziert erzählt mir Dr. Hemang, nun greifen die Ärzte wieder auf diese Tradition zurück. Vieles lässt sich auch übers Gespräch klären redet er mir gut zu, dennoch spüre ich genau, dass wir gerade in diesem sensiblen Bereich der Pulsdiagnose, der soviel zu tun hat mit dem Spüren, der Berührung, dem „Begreifen“ an eines der Kernthemen der ganzen Corona-Debatte rühren. Distanz – als Gegenstück zu Nähe, Berührung und Kontakt ist an der Tagesordnung, gehört zum guten Ton, ist angeblich lebensrettend. Ich spürte aber ganz klar, wie meine Migräne gerade in den ersten Tagen von Corona um vieles intensiver und häufiger auftrat, gleichsam als Schrei meiner Seele auf noch mehr verordnete Systemerhaltung – als Alleinerzieherin eigentlich nicht auszuhalten. Dabei bin ich doch so froh, dass ich meine Kinder habe, die manchmal mich umarmen, einfach nur da sind, nerven oder Balsam sind. Ich denke in Zeiten wie diesen aber auch sosehr an Virgina Satirs Sätze „vier herzliche Umarmungen pro Tag sind das Existenzminimum“.  Was tun da die Alten und Risikogruppen? Einsam sterben?

Ayurveda bedeutet ja wörtlich aus dem Sanskrit übersetzt „das Wissen vom Leben“. Nun ist Leben und das Ganze ja bekanntlich mehr als die Summe ihrer Teilchen, die Summe von Viren, Bakterien, Parasiten und dergleichen. Mehr als klinische Sauberkeit, Sicherheit oder eine Wirtschaftskurve. Leben gibt es nur, wo eine Qualität ist von Gemeinschaft, geliebten Menschen, Orten, Kunst und Kultur. Ein voller Kühlschrank und Klopapier reichen nicht aus. Leben ist auch nicht zu haben ohne Krankheit und Tod. Auch erfahre ich, dass der Garten, in dem ich werkeln oder der Wald, in den ich mich retten kann nicht reicht für ein gutes Leben. Wir brauchen unsere ganze Welt, unsere Möglichkeiten und Freiheiten. Alles das macht ein Leben erst lebenswert und ist unser würdig. Um noch einmal auf das Thema Berührung zu sprechen zu kommen, mir ist in den ersten erlösenden Mairegentagen klar geworden, dass es meine Lust ist, die das Leben lebenswert macht. Migräne soll ja angeblich sowas wie ein Ersatz-Orgasmus des Gehirns sein meint so mancher Schlaumeier. Interessanter Zusammenhang, Migräne ist zu 75 % weiblich, da frage ich mich: was hat Corona damit zu tun? Haben wir europäsichen Frauen bei aller Systemrelevanz uns die Lust abgewöhnt? Was hat unsere Lebensfreude mit unserer Immunkraft zu tun, mit unserem Schutz vor Corona und anderen Erregern? Also bitte nur mit der Ruhe, keine Panik, wir sind erst beim Vorspiel, die nächste Kurve kommt bestimmt und wir sind noch lange nicht am Höhepunkt der Pandemie angelangt. Pan, wer war der noch schnell? Ach ja, der war ja der Geliebte Gaias, wird echt Zeit, dass der vor den Vorhang tritt, wo Gaia gerade so heiß läuft, oder? Pan als Gott der Wälder und Wiesen hat Freude an Musik, Tanz und Fröhlichkeit. Pan wird auch dem Gott der Fruchtbarkeit, der Lust und Ekstase zugeordnet, auf seiner Flöte musizierend, für seine Wollust bekannt, ist er umgeben von Nymphen und Satyrn. Er ist die Natur der Dinge und ihr Kreislauf. Die Hirten baten ihn um Schutz für ihre Herden und brachten ihm dafür Opfer dar. Sie fürchteten sich aber auch vor seinem Anblick, denn er jagte ja auch ruhende Herdentiere in „panischem Schrecken“ zu jäher Massenflucht auf (Bleib´daheim!), wenn man ihn zum Beispiel beim Mittagsschläfchen störte.

Ich habe das Gefühl, dass ich da nur lebendig rauskomme dank meiner Immunkraft, die meine Lebenslust und Lebenskraft ist. Wieviel Lust hat eine Heldin, die zu 75% Prozent die Corona-Krise stemmt? Also da zischt Pan ganz klar voraus, hält Gaias Hitze nicht mehr aus, kommt volle Pulle raus, bringt in einem irren Tanz alles zum Erliegen. Gaia verschnauft und bringt uns zur Ruhe. Homeoffice, Homeschooling, Home?

Eine Entstehungs-Geschichte aus Madagaskar erzählt so schön von einem Lemuren-Brüderpaar. Einer der beiden hat den anderen und den Wald verlassen und seither singt der im Wald sein Klagelied um den Verlorengegangenen wieder zurückzurufen. Der Planet und wir sind überhitzt, ein Teil unserer Seele klagt, ruft uns zurück, möchte, dass wir heimfinden. Ich kann nicht umhin den kleinen gekrönten Coronavirus als Krönung zu sehen. Am Gipfel von Gretas Kampf und Lesbos überfüllten Lagern bricht Pan hervor, wirft alles über den Haufen, tut, was er zu tun hat und keiner sonst zustande gebracht hätte. Bitte glauben wir wieder an die wahre Power und Intelligenz, die in der Natur lebt. Oder meinen wir echt, dass unsere Politiker unsere Welt retten können? Pan ist es, der mitten unter uns auftaucht und jeden von uns an die wichtigste aller Fragen erinnert: Wer bist Du und wie kommst Du raus aus der Hitze, runter auf die Erde, in einen Tanz mit dem Leben und dem Tod, mit der Krankheit, mit Maske oder ohne?

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